15.03.16

Scrapie: Züchter kalt erwischt

Die angepassten Bestimmungen zum innergemeinschaftlichen Handel von Schafen und Ziegen werden sich empfindlich auf den Zuchtviehverkauf auswirken. Obwohl Deutschland bisher als Scrapie-frei galt, sind Exporte aufgrund der neuen Verordnung vorerst bei Schafen stark eingeschränkt und bei Ziegen gar nicht möglich.

Kalt erwischt hat es die Schaf- und Ziegenzüchter in Deutschland. Mit dem In-Kraft-Treten der Verordnung (EG) Nr. 630/2013 der Kommission vom 28. Juni 2013 wurden die Bestimmungen für den innergemeinschaftlichen Handel von Schafen und Ziegen weitgehend an den Tiergesundheitscode für Landtiere der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) angepasst. Dies hat u. a. auf den Handel von Zuchtschafen und -ziegen in der EU einschneidende Auswirkungen. Die EU-Regelungen sahen und sehen die Etablierung von nationalen Scrapie-Bekämpfungsprogrammen vor. Da Deutschland bisher kein solches nationales Scrapie-Bekämpfungsprogramm erstellt hat, kann es keinen Status bezüglich der klassischen Scrapie in Anspruch nehmen. Dem steht auch das vereinzelte Auftreten von klassischer Scrapie entgegen. Nationale Bekämpfungsprogramme wurden dagegen für Dänemark, Österreich, Finnland und Schweden genehmigt. Lediglich Österreich wurde als Mitgliedstaat mit vernachlässigbarem Risiko klassischer Scrapie anerkannt. Inhalt solcher Programme ist auch die Schaffung eines amtlichen Systems für die Anerkennung von Haltungsbetrieben mit einem vernachlässigbaren bzw. kontrollierten Risiko klassischer Scrapie. Dabei dürfen in Haltungsbetrieben mit einem vernachlässigbaren Risiko klassischer Scrapie nur Schafe mit dem ARR/ARR-Genotyp gehalten werden (TSE-resistente Schafherden der Stufe I), und es darf in den letzten sieben Jahren kein Fall klassischer Scrapie bestätigt worden sein. Die Einstufung kann ebenfalls erfolgen, wenn der Betrieb während mindestens sieben Jahren:

- alle Schafe und Ziegen dauerhaft gekennzeichnet und Aufzeichnungen über die Herkunft der Tiere bis zum Geburtsbetrieb und dem Verbringen geführt hat,

- nur Schafe und Ziegen (auch Embryonen, Eizellen und Sperma) aufgenommen hat, die: a) aus Betrieben mit vernachlässigbarem Risiko klassischer Scrapie oder aus Betrieben mit gleichem Status wie der Aufnahmebetrieb stammen oder b) den Genotyp ARR/ARR (nur Schafe) tragen,

- ab dem 1.Januar 2014 regelmäßig mindestens einmal jährlich von einem amtlichen Tierarzt überprüft wurde,

- kein Fall von klassischer Scrapie bestätigt wurde,

- alle zum menschlichen Verzehr geschlachteten Schafe und Ziegen über 18 Monate von einem amtlichen Tierarzt untersucht hat und alle Tiere, die Symptome von Auszehrung oder neurologischen Störungen zeigen oder notgeschlachtet worden, auf klassische Scrapie getestet hat,

- mit seinen Tieren weder direkt noch indirekt mit Schafen und Ziegen aus Haltungsbetrieben mit geringerem Status in Berührung gekommen ist, auch nicht durch gemeinsame Nutzung von Weideflächen.

Die Einstufung in Haltungsbetriebe mit kontrolliertem Risiko klassischer Scrapie kann erfolgen, wenn der Betrieb während mindestens drei Jahren die gleichen Auflagen erfüllt, wie der Betrieb mit vernachlässigbarem Risiko.

Die Einstufung hat große Bedeutung für den innergemeinschaftlichen Zuchttierhandel, da Zuchttiere aus Haltungsbetrieben mit kontrolliertem Risiko nur noch bis zum 31.12.2014 innerhalb der Union gehandelt werden können. Ab dem 1.1.2015 müssen alle Zuchttiere, die in andere EU-Mitgliedsstaaten verbracht werden, aus einem Haltungsbetrieb mit vernachlässigbarem Risiko klassischer Scrapie stammen. Alle anderen Betriebe können nur noch Schafe mit dem Genotyp ARR/ARR in andere EU-Länder verbringen.

Leider wurden die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) und der Bundesverband Deutscher Ziegenzüchter (BDZ) durch diese Rechtssetzung überrascht. So wurde die VDL bei wiederholten Verstößen im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), die verpflichtende Zucht auf Sprapie-Freiheit in eine Freiwilligkeit zu verändern, da dies zu starken Einschränkungen im Zuchtprogramm verschiedener Rassen führte, leider nie auf die ab 2015 greifenden Konsequenzen hingewiesen. Von den Dachverbänden wurde bisher der Standpunkt vertreten, dass das Auftreten klassischer Scrapie in Deutschland und den umliegenden Ländern bei Schafen sehr selten und sporadisch erfolgt und diese Erkrankung bei Ziegen noch nie aufgetreten ist. Im Jahr 2012 gab es in Deutschland einen einzigen klassischen Scrapie-Fall bei einem Schaf. Über den Zeitraum von 2002 bis 2012 war eine Tendenz gegen Null bei Schafen in Deutschland zu verzeichnen. Deutschland galt zudem in der Vergangenheit als frei von dieser Krankheit. Leider hat sich die klassische Scrapie vor allem in Südeuropa festgesetzt, so wurden im Jahr 2012 570 Fälle bei Schafen in Griechenland (= 61,5 % aller Fälle) und 1102 bei Ziegen in Zypern (= 93,2 % aller Fälle) registriert.

Erst als die Mitgliedsverbände über die Verweigerung von Veterinärattesten, bzw. zusätzliche Auflagen beim Export berichteten, rückte das Thema wieder in den Fokus. In einer kurzfristig anberaumten Beratung unter der Leitung des VDL- Abteilungssprechers Zucht, Heiko Schmidt, mit Prof. Dr. Hans-Joachim Bätza, Referatsleiter Tiergesundheit im BMEL, konnten die Dachorganisationen die derzeit unhaltbare Situation für das innergemeinschaftliche verbringen von Zuchttieren, aber auch für das Beweiden von Flächen in benachbarten EU-Ländern (z.B: die Beweidung von Almen in Österreich oder die Beweidung von Schafhutungen entlang der deutsch-französischen Grenze) darlegen. Einmal mehr mussten wir feststellen, dass die Belange der Halter von kleinen Wiederkäuern nur ungenügend bekannt waren. Dennoch stießen wir auf eine große Bereitschaft, Abhilfe zu schaffen. In der Beratung konnte erreicht werden, dass Prof. Bätza die Tierseuchenreferenten der Länder über das weitere Vorgehen informierte. So sollen anerkannte Scrapie-resistente Herden (gesamte Herde ARR/ARR) nach §6 der TSE-Resistenzzuchtverordnung als amtlich anerkannte Haltungsbetriebe mit vernachlässigbarem Risiko klassischer Scrapie eingestuft werden. Diese Betrieb sollten dann ihre (Zucht-) Schafe auch ohne nochmalige Genotypisierung innergemeinschaftlich verbringen können. Schafe aus anderen Betrieben können derzeit nur mit dem Prionprotein-Genotyp ARR/ARR, mit dem bei Schafen die Resistenz gegen klassische Scrapie verknüpft ist, innergemeinschaftlich gehandelt werden.

Da die Resistenzsituation bei Ziegen nicht an den Genotyp ARR/ARR gebunden ist, ist der innergemeinschaftliche Handel mit Ziegen, außer zur unmittelbaren Schlachtung, derzeit nicht möglich. Hier müsste zwingend eine Betriebseinstufung vorliegen, die aber aufgrund der geforderten Testung auf Scrapie (in Deutschland nur im Stichprobenverfahren) wahrscheinlich von keinem Betrieb erfüllt wird. Diese Situation ist für den BDZ nicht hinnehmbar.

In dem ersten Gespräch konnten leider nicht alle Forderungen und Wünsche von VDL und BDZ tiefgründig besprochen werden. Deshalb wurde folgender Forderungskatalog aufgestellt:

Forderungskatalog zur Verordnung (EG) Nr. 630/2013 der Kommission vom 28. Juni 2013:

• Da die Mitgliedstaaten ein amtliches System für die Anerkennung der Betriebe einrichten können, sollte ein möglichst einfaches, kostengünstiges und praktikables Anerkennungsverfahren festgelegt werden. Dies betrifft insbesondere auch Ziegenhaltungen, damit diese nicht vom innergemeinschaftlichen Handel ausgeschlossen sind.

• Die TSE-Resistenzzuchtverordnung sollte möglichst „unbürokratisch“ angepasst und fortgeführt werden, um zu gewährleisten, dass die bisher als Scrapie-resistent anerkannten Betriebe auch zukünftig eine rechtliche Basis haben. Dabei soll:

o die Genotypisierung und die Teilnahme am Anerkennungsverfahren freiwillig sein, wie es in Großbritannien bereits seit vier Jahren praktiziert wird,

o die Rasseliste im Anhang gestrichen und die VO für alle Schafrassen gelten.

• Ohne staatliche finanzielle Unterstützung wird die TSE-Resistenzzucht in Deutschland zu keinem Erfolg führen. Es werden sich nur die Schafzüchter beteiligen, die am Exportgeschäft interessiert sind. Das Ziel sollte dagegen wie in Österreich die Anerkennung als Mitgliedstaat mit vernachlässigbarem Risiko klassischer Scrapie sein.

• Die Umzüchtung auf das TSE-Resistenzgen ist wissenschaftlich zu begleiten. Es besteht die Gefahr, dass die genetische Vielfalt und die Robustheit der Rassen massiv beeinträchtigt wird.

• Ein großer Teil der Milchziegenkitze wird in den ersten Lebenswochen nach Frankreich zur Ausmast verkauft. Auch dieses Verfahren muss als „unmittelbar zum Schlachten“ anerkannt werden, da die Kitze ohne Ausnahme direkt vom Mastbetrieb zur Schlachtstätte gelangen.

• Es müssen Lösungen auch für Exporte außerhalb der EU gefunden werden, da hierbei ein Transfer durch EU-Länder stattfindet.

• Es sind mindestens Lösungen für den innergemeinschaftlichen Handel von Schafrassen, wo das ARR-Allel nicht oder nur in einer geringen Frequenz vorkommt, sowie von Ziegenrassen zu finden. Diese Rassen sind oft in Programmen zur Erhaltung der genetischen Vielfalt zu finden.

• Für Zuchttierimporte, die bereits vorbereitet wurden (z.B. Kaufbestellungen von CAE und Pseudotuberkulose-unverdächtigen Zuchtziegen aus der Schweiz) sind kurzfristig für 2014 Ausnahmen von dem vorzeitigen Vollzug der TSE-Verordnung zu ermöglichen.

• Der Zuchttierhandel in Länder der EU ohne nationales Scrapie-

Bekämpfungsprogramm bzw. mit vergleichbarem Status wie Deutschland muss möglich sein.

• Es sind Lösungen, die ohne Genotypisierung auskommen, für das traditionelle Beweiden von Flächen in benachbarten EU-Ländern zu finden.

Die Schafzüchter sollten als Konsequenz auf die neuen Regelungen ein stärkeres Gewicht auf den Scrapie-Genotyp ARR/ARR legen, wenn ein innergemeinschaftlicher Handel angestrebt wird. Die Etablierung von anerkannte gegen klassische Scrapie resistenten Herden sollte nach gegenwärtigem Kenntnisstand für einen Zuchttierexport angestrebt werden. Die Ziegenzüchter sollten das Gespräch mit ihrem Amtstierarzt suchen, um abzuklären, inwieweit sie eine Einstufung ihres Betriebes in die Kategorien mit einem vernachlässigbaren Risiko klassischer Scrapie erlangen können.