07.03.12

Schmallenberg Virus

Die Zahl der vom Schmallenberg-Virus betroffenen Tierhaltungen in Schleswig-Holstein hat sich weiter erhöht. Mit Stand vom 27. Februar 2012 sind in Schleswig-Holstein 6 Rinder-, 84 Schaf- sowie 1 Ziegenbetrieb und in Hamburg 1 Rinder-und 5 Schafhaltungsbetriebe betroffen.

Bundesland

Rind

Schaf

Ziege

Gesamt

Schleswig-Holstein

6

84

1

91

Hamburg

1

5

 

6

Niedersachsen

10

106

5

121

Nordrhein-Westfalen

25

236

11

272

Hessen

1

81

5

87

Rheinland-Pfalz

4 (davon 1 Bison)

35

4

43

Baden-Württemberg

2

15

5

22

Bayern

 

14

 

14

Saarland

 

2

1

3

Berlin

 

1

 

1

Brandenburg

 

15

 

15

Mecklenburg-Vorpommern

 

5

1

6

Sachsen

 

22

 

22

Sachsen-Anhalt

 

19

2

21

Thüringen

 

25

2

27

Gesamt

49

665

37

751

Tabelle: Bestätigte Fallzahlen über betroffene Bestände, 27. Februar 2012, 15 Uhr; Quelle: TSN

Außerdem meldeten die Niederlande, Belgien, Großbritannien,  Frankreich, Italien und Luxemburg Fälle von „Schmallenberg-Virus“, hauptsächlich bei Schafen.
Trotz der weiteren Ausbreitung des Schmallenberg-Virus sieht die Europäische Kommission derzeit keine Notwendigkeit für eine EU-weite Anzeigepflicht. Stattdessen wird den Mitgliedsstaaten empfohlen, die notwendigen Verfahren einzuleiten, um sicherzustellen, dass jeder Verdachtsfall identifiziert und an die Behörden gemeldet wird. Landwirte und Tierärzte sollen dafür ausreichende Informationen erhalten. Auch hinsichtlich der Entwicklung eines Impfstoffes will die Kommission nichts überstürzen. Die empfänglichen Tierpopulationen entwickelten anscheinend schnell eine natürliche Immunität gegen das Virus, heißt es in Brüssel. Vor der großflächigen Herstellung eines Impfstoffes soll eine Kosten- Nutzen -Analyse durchgeführt werden. Handelsbeschränkungen von Drittstaaten wie Russland gegen EU-Produkte hält die Kommission für nicht gerechtfertigt. Sie ruft die Mitgliedsstaaten auf , mit gutem Beispiel voranzugehen und nach außen Geschlossenheit zu zeigen. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament, Martin Häusling, hält eine europaweite Anzeigepflicht hingegen für dringend geboten. Erst dann sei nämlich eine Entschädigung der betroffenen Betriebe möglich, stellte Häusling fest. Zudem verlangte er die Bündelung wissenschaftlicher Ressourcen und die rasche Entwicklung eines Impfstoffes. Die ersten Zahlen von betroffenen Rinderbetrieben ließen befürchten, dass sich das Krankheitsgeschehen im Frühjahr zur Kalbesaison mit bedrohlichen Ausmaßen fortsetzten werde. Für virusbefallene Betriebe bedeuteten hohe Tierverluste oftmals die Gefährdung ihrer Existenz. "In dieser Situation dürfen wir sie nicht alleine lassen", so Häusling. Er regte einen Fonds auf EU-Ebene für plötzliche und vorerst ungeklärte Krankheiten an, aus dem bis zur Klärung Unterstützung gezahlt werden sollten.
Die Agrarsprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, Kirsten Tackmann, warnte vor einer hohen Dunkelziffer, denn die Erkrankung könne zurzeit nur in Betrieben erkannt werden, bei denen die Ablamm- und Abkalbesaison begonnen habe. Die agrarpolitische Sprecherin der FDP- Bundestagsfraktion, Christel Happach-Kasan, plädierte angesichts der raschen Ausbreitung des neuen Erregers dafür, es dem Bund zu ermöglichen, in einem Eilverfahren zunächst ohne Zustimmung des Bundesrates eine Anzeigepflicht für neue Tierseuchen wie das Schmallenberg-Virus einzuführen. Heute könnten Anzeigepflichten nur gemeinsam mit der Länderkammer eingeführt werden. Das sei ein viel zu schwerfälliges Verfahren, kritisierte Happach-Kasan. Immer häufiger erkrankten Tiere in Europa an neuen Erregern. Das Schmallenberg-Virus und die Blauzungenkrankheit seien nur zwei Beispiele dafür. Künftig würden hierzulande nie zuvor beobachtete Tierkrankheiten auftreten, prognostizierte die Liberale.
Landwirtschaftsministerin Dr. Juliane Rumpf hat das Bundeslandwirtschaftsministerium indes gebeten, sich zum Thema Schmallenberg-Virus für eine Anzeigepflicht in der EU sowie für finanzielle Hilfen für die betroffenen Betriebe einzusetzen.
Das Ministerium appelliert an alle Halter von Schafen, Ziegen und Rindern, sich im Verdachtsfall an ihr zuständiges Veterinäramt zu wenden, damit von dort die zur Untersuchung erforderlichen Schritte eingeleitet werden können.

Neben Deutschland sind bisher auch aus Belgien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich Infektionen mit dem Schmallenberg-Virus bekannt geworden. Entsprechend hat sich das BMELV beim EU-Agrarrat am Montag in Brüssel dafür eingesetzt, eine Meldepflicht auch auf EU-Ebene einzuführen. Die Kommission hat eine entsprechende Prüfung zugesagt. Deutschland wird sich zusammen mit den Niederlanden darüber hinaus weiterhin dafür stark machen, dass Forschungsaktivitäten im Hinblick auf Diagnostik und Impfung auf europäischer Ebene gefördert werden.
Während die EU- Mitgliedstaaten zunehmend nationale Maßnahmen gegen das Schmallenberg-Virus ergreifen, warnt EU- Gesundheitskommisar John Dalli vor Kurzschlussreaktionen. Auf dem Agrarrat Ende Januar 2012 plädierte Dalli für Verhältnismäßigkeit: Die Auswirkungen des Erregers auf die Tiergesundheit seien begrenzt. Ferner gebe es keine Anzeichen, dass Menschen empfänglich seien. Erst solle man die Verfügbarkeit weiterer Daten über die nächsten Monate hinweg abwarten, dann könne man die besten Maßnahmen treffen, um mit dem Problem umzugehen. Auch in Zukunft würden in Europa neue Tierkrankheiten auf den Plan treten. Man solle das Schmallenberg-Virus als Gelegenheit sehen, die EU- Instrumente neuer Risiken zu kalibrieren.
Das Verfahren zur Einführung der Meldepflicht für das Schmallenberg-Virus ist in Gang gekommen. Das Bundesagrarministerium hat jetzt die notwendige Anpassung der Verordnung über meldepflichtige Tierkrankheiten dem Bundesrat zur Zustimmung zugeleitet. Der Agrarausschuss wird sich aller Voraussicht nach in seiner nächsten Sitzung Mitte März mit der Vorlage befassen. Die Länderkammer könnte die Meldepflicht dann am 30. März beschließen. Durch die Meldepflicht erhofft sich das Agrarressort einen umfassenden Überblick über die Verbreitung des neuen Erregers.
Der Zuständige Fachreferent des Bauernverbandes Ulrich Goullon erklärte in einem Interview hierzu:
Die EU-weite Meldepflicht könnte dazu führen, dass die EU-Kommission eine Marktstörung feststellt und es deshalb zu Entschädigungen kommt. In diesem Fall würde Brüssel zahlen, aber die Kommission kann eine Kofinanzierung der Mitgliedstaaten vorsehen. Dies wird in der Regel so gemacht. Wie der Mitgliedstaat dann die Kofinanzierung für sich regelt, bleibt ihm überlassen. Eine Möglichkeit ist, dies über den Tierseuchenfonds zu regeln, also die Solidarkasse. Oder die Länder übernehmen die Entschädigung. Das wird sich zeigen. Wenn  aus dem Tierseuchenfonds Beihilfen gezahlt werden, dann sind es Gelder, die allein von den Landwirten aufgebracht werden. Wenn aber gesetzliche Entschädigungen gezahlt werden, dann ist das Land zu 50 % dabei. Lassen Sie mich klarstellen: Beihilfen sind freiwillige Leistungen des Tierseuchenfonds, der auch deren Höhe beschließt, Entschädigungen dagegen gesetzlich geregelte Zahlungen. Das Tierseuchengesetz sieht vor, welche Beträge pro Tier maximal zu zahlen sind.
Eine Anzeigepflicht ist ein nationales Instrument, eine amtliche Verpflichtung, den Ausbruch einer Krankheit anzuzeigen, mit der Folge, dass dann die gesetzliche Entschädigung nach dem Tierseuchengesetz in Kraft treten würde. Dieses Mittel wird dann angewendet, wenn man gleichzeitig Instrumente in der Hand hat, um die Tierseuche einzudämmen. Das trifft beim Schmallenberg-Virus nicht zu. Es gibt derzeit keinen Impfstoff und keine Behandlungsmöglichkeit. Wir haben aktuell kein Instrument, um des Geschehens Herr zu werden. Bei der Blauzungenkrankheit sind die Übertragungswege fast identisch, aber der Unterschied zu Schmallenberg ist: Es gibt einen Impfstoff, deshalb ist sie anzeigepflichtig.
Bisher geht das Friedrich Löffler Institut davon aus , dass infizierte Tiere einen Immunschutz ausbilden. Bisher wurden bei infizierten Tieren auch neutralisierende Antikörper gegen das Virus nachgewiesen. Wie lange diese Immunität anhält ist jedoch noch nicht bekannt. Weiterhin geht das FLI nach derzeitigem Kenntnisstand davon aus, dass die durch das Schmallenberg-Virus verursachten Missbildungen nur bei Nachwuchs von infizierten, nicht immunen Muttertieren zu erwarten sei. Ein infiziertes Tier entwickelt Antikörper, wodurch bei erneuter Infektion keine negativen Auswirkungen auf den Fetus möglich sein sollten.
Der Landesverband hatte schon Anfang Februar ein Gespräch mit  Ministerin Dr. Juliane Rumpf, um auf die massiven Probleme der betroffenen Schafhaltungsbetriebe aufmerksam zu machen. Auch beim Umwelt- und Agrarausschuss des Landes konnte der Verband zu diesem Thema Stellung nehmen und Hilfe für die Schafhalter fordern.