20.02.13

Kultur meets Schafe - Lehrfahrt nach Sachsen

Viel Kultur, strahlender Sonnenschein und Interessantes rund um die Schafhaltung, so kann man die diesjährige Lehrfahrt nach Sachsen im Kurzen beschreiben.

Am 21.September ging es für rund 40 Teilnehmer los mit dem futuristischen Bus Richtung Sachsen. In Weißwasser erwartete uns gleich am ersten Abend nicht nur ein leckeres Buffet sondern auch gleich eine heiße Diskussion zum Thema Wolf. Aktuell sind in der Lausitz zwölf Wolfsfamilien nachgewiesen. Davon leben sieben Rudel im sächsischen Teil und vier Rudel im brandenburgischen Teil der Lausitz. Das zwölfte Rudel (Spremberger Rudel) hat sein Territorium sowohl auf sächsischem als auch auf brandenburgischem Gebiet. 1996 wurde zum ersten Mal ein Wolf auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide gesichtet. Im Jahre 2000 wurde dann das erste Rudel mit 4 Welpen nachgewiesen. Diese 4 Welpen wurden in der Muskauer Heide geboren. Stephan Kaaschel, ein junger dynamischer Wolfsbetreuer erzählte uns mit viel Herzblut über das Leben der Wölfe, ihr Verhalten und wie die Schäfer ihre Herden schützen könnten. So ist im Sächsischen Wolfsgebiet  die Einrichtung eines Mindestschutzes die Voraussetzung für den finanziellen Ausgleich bei eventuell auftretenden Nutztierschäden durch den Wolf Pflicht. Falls es zu einem Riss kommt, wird  die Schadenshöhe von einem Gutachter des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG)  ermittelt. Bei Hobbyhaltern und Nebenerwerbslandwirten kommt der durchschnittliche Marktwert in Abhängigkeit von Rasse, Geschlecht, Alter, Gewicht, Leistungsgruppe und sonstiger Eigenschaften, wie z.B. Trächtigkeit, zur Anwendung. Auch die Entsorgungskosten werden berücksichtigt. Bei gewerblichen Betrieben kann eine Ermittlung der Schadenshöhe einschließlich Folgeschäden und Mehraufwendungen für das laufende Wirtschaftsjahr erfolgen. Da das Thema kurz zuvor auch in Schleswig-Holstein aktuell wurde, war die Stimmung im Saal etwas aufgeladen. Nach dieser theoretischen Einleitung waren dann auch alle am nächsten Tag gespannt auf die Erfahrungen des Schäfermeisters Neumann in Schleife. Der Schäfermeister betreibt seit 50 Jahren eine Schäferei. Zur Zeit bewirtschaftet er 130 ha Weiden zusammen mit seinem Sohn und seiner Frau. Etwa 700 Mutterschafe werden in zwei Herden gehalten, wobei er zwei Lammzeiten hat, eine im November und eine Mitte Januar. Frank Neumann hat sich mittlerweile zum Herdenschutzexperten gemausert. Gegen Ende der 1990er Jahre haben sich die Tiere des Muskauer Wolfsrudels zum ersten Mal in Schleife bemerkbar gemacht. Eine Vorhut kam von Polen über die Oder geschwommen, ließ sich in ihrem neuen Revier nieder und zeugte Nachwuchs. Die ersten Wolfsübergriffe fanden 1998 statt. Nachdem es 2002 zu einem großen Übergriff auf seine Schafe gekommen war, musste eine Lösung her. Elektrozaun und Flatterband erbrachten alleine nicht den gewünschten Erfolg. Er brauchte verlässliche Wächter. Erste Versuche mit Pyrinäenberghunden aus der Schweiz zeigten ihre Wirkung. Die Zahl der gerissenen Schafe ging durch den Einsatz von zwei Herdenschutzhunden pro Schafherde zurück. Neumann war zufrieden. Seitdem arbeitet er mit den Hunden, bildet sie aus und leiht sie anderen Schäfern aus.
Als wir bei seiner Weide ankamen hörten wir auch schon lautes Bellen von den drei  Herdenschutzhunden die Schäfermeister Neumann in einer seiner Herden laufen hat. Insgesamt hat er zur Zeit sechs dieser imposanten Herdenschutzhunde in unterschiedlichen Herden laufen. Herr Neumann zeigte, uns wie die Tiere arbeiten und was es alles zu beachten gibt. Wir konnten uns überzeugen, dass die Hunde lauthals alles verbellen was sich der Herde nähert. Und wenn „der Feind“ nicht auf das Gebelle hört, können die Hunde auch anders. Allerdings konnten sich die Zuchtleiterinnen Frau Dr. Walther und Frau Bruser auch davon überzeugen, dass die Hunde sehr schmusig sein können -  jedenfalls solange der Schäfermeister in der Nähe ist. Nachdem wir also sehen konnten, wie diese Hunde arbeiten und wie auch die Schafe auf die Hunde reagieren -  nämlich garnicht- stellten wir fest, dass diese Art Herdenschutz in Schleswig-Holstein an den wenigsten Stellen machbar ist.
Nicht nur für seine Wölfe ist dieses Gebiet berühmt. Bis zu 12 Meter mächtige Braunkohleflöze, welche die Muskauer Heide über weite Strecken unterlagern, werden durch die Tagebaue Nochten und Reichwalde erschlossen. Der Energiekonzern Vattenfall Europe fördert in Nochten bis zu 17 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr. Vattenfall plant bis 2013 neue Braunkohle-Tagebaue in der Lausitz. Mehrere Ortschaften sollen einfach weggebaggert werden. Betroffen sind die Anwohner der Gemeinden Schleif, Trebendorf und Welzow, die umgesiedelt werden müssen.
Auch Schäfermeister Neumann wird in den nächsten zwei Jahren umziehen. Wir fahren mit ihm - vorbei an vielen Dörfern, die es bald nicht mehr gibt - zum Tagebau Nochten und sind beeindruckt von der Größe dieses Gebietes. Wie groß die Bagger sein müssen, die mitten im Tagebau ihre Arbeit verrichten ist aus der Ferne kaum vorstellbar. Wir verabschieden und bedanken uns bei Schäfermeister Neumann für die vielen Eindrücke, die wir bei ihm sehen konnten und fahren nach einem großzügigen Mittagessen weiter nach Görlitz.
Görlitz gehörte zu den Städten des "Sechs-Städte-Bundes". Zusammen mit Kamenz, Bautzen, Löbau, und Zittau gehört Görlitz zu den sich heute noch auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland befindlichen Städte dieses spätmittelalterlichen Wehrbundes. All diesen Städten sind eine lange, wechselvolle Geschichte und gut erhaltene mittelalterliche Stadtkerne gemein. Die Stadt Görlitz hat im Zuge der Altstadtsanierung in den letzten Jahren wieder einen besonderen Glanz erlangt und ist mit seinen prunkvollen Bauten besonders reizvoll. Bei einer Stadtführung konnten sich alle davon überzeugen, dass Sachsen sehr viel zu bieten hat. Besonders der Flüsterbogen hat es uns wegen des akustischen Phänomens, welches man hier beobachten, oder besser gesagt hören kann angetan. In der im Bogen umlaufenden Vertiefung überträgt sich Schall von der einen zur anderen Seite. Was also auf der linken Seite hinein geflüstert wird, ist auf der rechten Seite zu hören (oder umgekehrt!). Die Stadt Görlitz ist zweigeteilt und über eine Brücke gelangt man gleich nach Polen.
Danach ging es auf einem abenteuerlichen Weg durch enge Gassen nach Bautzen, wo wir für den Rest der Reise ein Hotel gebucht hatten. Leider konnten wir von diesem hübschen Städtchen viel zu wenig sehen, da unsere Tage sehr ausgefüllt waren. Aber direkt vor unserem Hotel konnte man eines der Wahrzeichen sehen - den Schiefen Turm von Bautzen.
Und am einzigen „freien Abend“ konnten sich einige Teilnehmer von der Gastfreundlichkeit der Sorben in einem hervorragenden Restaurant überzeugen. Die Sorben sind ein westslawisches Volk, das in der Ober- und Niederlausitz in den Ländern Sachsen und Brandenburg lebt und in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt ist. Rund 60 000 Sorben leben in Deutschland, deren Rechte sind durch die Sächsische Verfassung besonders geschützt. Ein reges Vereinsleben, sorbische Schulen, Theater und Rundfunkprogramme sorgen dafür, dass die Kultur dieser slawischen Volksgruppe gepflegt wird. Viele Straßenschilder sind zweisprachig. Denn bis heute wird in vielen Familien und im Alltag Sorbisch gesprochen.
Der Sonntag gehörte dann ganz der Kultur. Bei einer Dampfschifffahrt von Königsstein nach Pillnitz konnten wir bei schönstem Wetter die Reize der Sächsischen Schweiz genießen. Vom Schiff aus sahen wir die Felsen des Elbsandsteingebirges, kleine Weinberge und schöne Städtchen. In Pillnitz stiegen wir dann wieder um in den Bus und machten uns in Begleitung einer sehr netten Reiseführerin auf nach Dresden. Schon bei der ersten Durchfahrt beeindruckte die Stadt durch seine Vielzahl an dicht nebeneinanderliegenden Sehenswürdigkeiten – Semperoper, Zwinger und vieles mehr. Und auch beim anschließenden Stadtrundgang wusste man manchmal nicht so recht wo man denn gerade hinschauen soll. Schnell wurde klar, dass man Dresden nicht an einem Nachmittag erleben kann. Daher hörte man einige Teilnehmer sagen, dass sie nochmal zurückkommen müssten. Nach langer Parkplatzsuche konnten wir dann am Abend den Tag bei einem Essen am Elbufer ausklingen lassen. Am nächsten Tag standen dann endlich wieder die Schafe im Mittelpunkt. Es ging in das Zittauergebirge wo wir die Herde der Gebrüder Franze sehen sollten. Schon die Fahrt zur Herde durch das Zittauergebirge bot wieder einen anderen Einblick von Sachsen. Die Herde steht  in Lückendorf, ein Luftkurort im Dreiländereck zu Polen und Tschechien. Lückendorf liegt als einziger deutscher Ort auf der Südseite des Zittauer Gebirges. Er erstreckt sich auf einer Höhe von 398 bis 515 m ü. NN. Und von hier oben hatten wir einen herrlichen Blick auf die Grenzen der benachbarten Laänder.
Die Schäferei wird seit 1990 als landwirtschaftlicher Familienbetrieb im Haupterwerb als Kooperation der Brüder Dietmar und Gunter Franze geführt. Der Schafbestand von Dietmar Franze besteht aus ca. 730 Mutterschafen hpt. der Rasse Merinolandschaf. Gunter Franze hat ca. 600 Mutterschafe hpt. der Rasse Suffolk. Das Unternehmen umfasst rund 280 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Außerdem wird Landschaftspflege auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz und wie wir sehen konnten im Zittauergebirge betrieben. Beide Brüder waren vor Ort um uns von ihrer Schafhaltung und auch ihrer Region zu berichten. Danach ging es  nach Dittersbach, wo uns die Schäfermeister Manfred und Thomas Loose herzlich in Empfang nahmen. Manfred Loose war jahrelang Vorsitzender beim Landesverband sächsischer Schaf- und Ziegenzüchter und hat den Betrieb an seinen Sohn weitergegeben. Wie sehr er Schäfer mit Leib und Seele ist und wie sehr er seine Region schätzt, konnten wir gleich bei seinen Eingangsworten spüren. Und dann ging es nach einer Stärkung hinauf auf „Mount Loose“. Die Weiden der Schäferei liegen idyllisch an einem Berghang und Manfred Loose hat in den letzten Jahren viele alte Apfelbaumsorten am Wegesrand gesetzt, so dass der Aufstieg nicht langweilig wurde. Es gibt wahrlich schlechtere Arbeitsorte als hier oben auf dem Berg mit einer schönen Aussicht auf das Dorf und die Umgebung, die geprägt ist durch die Hufen (1 Hufe entspricht ca. 24 ha und wurde früher von einer Familie bewirtschaftet). Thomas Loose züchtet Suffolks und wir können auf der Weide eine sehr ansprechende Suffolkherde besichtigen. Später im stall sehen wir auch noch alte Bekannte wieder, denn Thomas Loose kauft auch in Husum Böcke. In einem kleinem Wäldchen auf der „Bergspitze“ begrüßt uns dann auch die Frau von Manfred Loose mit Kaffee und Gebäck. Wir können uns Einblick in das Herdenmanagmentsystem geben lassen oder einfach nur ein bißchen die nette Runde genießen. Am Ende des Tages kommen wir dann alle nochmals zusammen im Dorfkrug in Dittersbach, wo ein reichlich gedeckter Abendtisch auf uns wartete. Leider müssen wir uns nach einem sehr schönen Tag bei der Familie Loose verabschieden. Aber das gemütliche Beisammensein wird in einem großen Teil der Reiseteilnehmer in der Hotelbar fortgeführt. Bis spät in der Nacht werden hier alle Themen rund um die Schafhaltung besprochen und diskutiert. So eine Lehrfahrt ist nun mal eine anstrengende Reise! Am nächsten Morgen verabschieden wir uns dann von Bautzen und fahren in Richtung Moritzburg, wo wir das Landgestüt Moritzburg besichtigen wollen. Hier führte uns der Zuchtleiter des Pferdezuchtverbandes Dr.  Mathias Karwarth durch das alte Gestüt. In Moritzburg werden Hengste der Rassen Warmblut, Schweres Warmblut, Kaltblut und Haflinger gehalten. Die jährlichen Hengstparaden im September werden regelmäßig von gut 20.000 Zuschauern besucht und sind ein Highlight für alle Pferdeliebhaber. Neben vielen prachtvollen Pferden verfügt das Gestüt auch über eine Sammlung von alten eindrucksvollen Kutschen. Nachdem wir unser traditionelles Gruppenfoto  im Kasten hatten mussten wir uns von Sachsen verabschieden. Besonderer Dank gilt Fr. Dr. Walther und Hanno Franke für die großartige Vorbereitung dieser Reise und ihre Begleitung während der Tour. Dadurch fühlten sich alle Reiseteilnehmer besonders willkommen und gut aufgehoben bei dieser Lehrfahrt. Auf der Heimreise waren sich dann auch alle einig, dass es wieder mal eine schöne Reise war und wir viele neue Eindrücke und Erlebnisse mit nach Schleswig-Holstein nehmen können. Im Namen aller Reiseteilnehmer einen großen Dank noch mal an alle die uns in Sachsen so nett empfangen und betreut haben!