20.02.13

AG Coburger Fuchsschafe: Letzter Lehrling bei Otto Stritzel

Otto Stritzel, Tuchmacher aus Bug( Bayern), gilt als Retter der Fuchsschafe und der Rauhwolligen Pommerschen Landschafe in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Von einer Schaffreundin bekamen wir den Tip, dass in Schleswig-Holstein der letzte Schäferlehrling, den Otto Stritzel ausgebildet hat, eine große Schäferei betreibt. Nach ein bisschen Recherche und einigen Telefonaten waren wir bei Schäfermeister John Kimmel angemeldet und am 15. Januar 2013 konnten wir uns mit ihm treffen. Nach herzlicher Begrüßung auf seinem Hof ging es im allradgetriebenen Auto mit seinen 2 Lehrlingen in das Naturschutzgebiet des Dannewerks zwischen Schleswig und Rendsburg. Hier und im übrigen Schleswig- Holstein hat Schäfermeister John Kimmel , ein gebürtiger Pfälzer, große Flächen in Heide und Moor im Vertragsnaturschutz. Es ist kalt, wir haben minus 5 Grad und überall liegt eine dünne Schneeschicht. Die Vegetation ist nicht durchgehend vom Schnee bedeckt, aber auch so kann man sich vorstellen, daß die Schafe viel Fläche brauchen ,um hier satt zu werden. Als wir an einem großen Graben halten, sehen wir die Herde in einem riesigen mit Elektonetzen gesicherten Pferch. Es sind weiße gehörnte Heidschnucken (WGH). Neugierig drängen sie in Richtung Brücke, weil sie genau wissen, daß es jetzt auf ein neues Stück zum Abweiden geht. Herrlich, diese große Herde zu sehen. Die Tiere sind in einem hervorragenden Zustand. Es sind 650 tragende Muttern und einige Jährlinge, wie uns J.Kimmel erzählt. Die beiden Lehrlinge nehmen die ersten Felder des Zaunes weg und die Schafe setzen sich geordnet in Bewegung. Die beiden Altdeutschen Hütehunde (AHH) passen auf , dass die Tiere ihrem vorangehenden Schäfer auf die nächste Fläche folgen. Nach wenigen Minuten hat sich die Herde über die neue Fläche verteilt und es setzt gefräßige Stille ein. Jetzt dürfen auch wir uns wieder zum Schäfer bewegen und ihn mit unseren Fragen löchern. J. Kimmel beweidet die Naturschutzflächen mit ca. 1000 WGH.. Eine „ Heiderasse“ ist ihm vom Land Schleswig- Holstein als Auftraggeber vorgegeben , auch wenn er sich eine etwas größere Rasse vorstellen könnte. Lange hatte er Probleme , die Schlachtlämmer beim Händler abzusetzen, weil die Schlachtkörper einfach zu leicht waren. In mühevoller, jahrelanger Selektion und Zucht hat er es geschafft ,seine Schafe etwas fleischiger zu machen. Selbst Versuche, isländische schwerere Böcke einzusetzen ,gelangen nicht, weil die Tiere unser Klima und Futter nicht gut vertrugen und viel krank waren. Erstaunlich, wie genügsam die WGH ist. Die Herde ist das ganze Jahr draußen und kommt nur zur Lammzeit, die in ca 4 Wochen beginnt in den Stall. Und der Aufwuchs ist zumindest jetzt sehr spärlich. Trotzdem sind die Tiere gut genährt und in einem prima Pflegezustand. Die Lehrlinge Sarah und Hannes erzählen, daß sie nach dem Einrichten eines neuen, frischen Pferches jeden Tag eine Stunde Klauenpflege machen . Jetzt wissen wir, warum wir kein einziges lahmendes Tier sehen. Sehr erstaunlich bei dem zwar jetzt hart gefrorenen, aber sonst sicher auch oft moorigen Boden. Heute sind die beiden fast 2 Stunden beschäftigt, um eine ca. 2 ha große Fläche neu einzuzäunen. Der Boden ist gefroren und die Spitzen der Zaunpfähle lassen sich nur schwer in den Boden drücken. Währenddessen erzählt John uns von der Herde von Otto Stritzel. Der hatte wohl 300 Fuchsschafe in einer Herde, aber auch Rauhwollige Pommern, Rhönschafe und viele andere Rassen, die er zur Vermeidung von Inzucht mit großem Geschick und gutem Auge in die Coburger einkreuzte, obwohl Otto Stritzel selbst wohl kein gelernter Schäfer war, sondern Tuchmacher. Er hatte aber immer einen angestellten Schäfermeister, der seine Herden führte. So waren wohl auch auf Initiative seines Schafscherers Ewald Svensson die französichen Solognote in größerer Zahl eingekreuzt. 1978 hat dann Svensson einen Teil der Herde übernommen, und John Kimmel hat den Rest seiner Lehrzeit bei einem anderen Schäfermeister beendet. Die beiden Lehrlinge sind mit dem neuen Pferch fertig und kommen langsam zur Herde zurück. Einige wachsame Schafe haben das sofort gesehen, ein kurzes Blöken und ein Ruck geht durch die Herde. Alle bewegen sich in Richtung der neuen Weide und die beiden Hunde haben kaum Arbeit. Als die Herde eng beieinander steht wird noch Klauenpflege gemacht. Wunderbar, mit welcher Ruhe einzelne Tiere aus der Herde herausgenommen werden. Ein kurzer Einsatz des Schäferhakens und das
Schaf läßt sich widerstandslos die Klauen machen. Bei unseren Coburgern zu Hause, die sehr nahe an uns Menschen sind, ist das normal, aber bei dieser großen Herde erstaunt es uns doch sehr,daß nicht alle Tiere „auseinanderspritzen“. Nach der Klauenpflege wird die Herde auf die neue Fläche gelassen und wieder beginnt emsiges Grasen. Wir verabschieden uns von John Kimmel und seinen Lehrlingen und sind zwar durchgefroren, aber glücklich von so viel schönen Eindrücken.
Frauke und Carl Wechselberg